Von der Vertragsprüfung bis zur juristischen Recherche: Künstliche Intelligenz wird zunehmend Teil des juristischen Arbeitsalltags. Was Bewerber darüber wissen sollten.
Es wird immer schwieriger, ein Gespräch mit einem Unternehmen über die Besetzung einer juristischen Position zu führen, ohne dass früher oder später das Thema künstliche Intelligenz (KI) aufkommt.
Ob wir mit einem Unternehmen über die Besetzung einer Position als General Counsel, Head of Legal oder Legal Counsel in Deutschland sprechen – häufig stellt sich die Frage, welche Rolle KI künftig in dieser Position spielen könnte.
Manche Unternehmen haben bereits entsprechende Tools eingeführt. Andere stehen noch ganz am Anfang und prüfen, welche Möglichkeiten sich bieten. Und gelegentlich möchten die einstellenden Führungskräfte vor allem erfahren, wie andere Rechtsabteilungen mit dem Thema umgehen.
Interessanterweise sprechen viele Unternehmen Kandidaten bereits auf ihre KI-Erfahrungen an, obwohl sie selbst noch nicht genau wissen, wie sie die Technologie in ihrer Rechtsabteilung einsetzen möchten.
Für Bewerber bietet das eine Chance.
Um bei solchen Gesprächen mitreden zu können, muss man keineswegs über umfangreiche KI-Erfahrung verfügen. Wer jedoch bereits erste Anwendungen ausprobiert hat, deren Grenzen kennt und erklären kann, wo die Technologie einen echten Mehrwert bietet, hat einem potenziellen Arbeitgeber durchaus etwas Interessantes zu berichten.
Doch wie setzen Unternehmensjuristen in Deutschland KI tatsächlich in ihrem Arbeitsalltag ein? Und in welchen Bereichen lohnt es sich, selbst erste Erfahrungen zu sammeln?
KI hält zunehmend Einzug in deutsche Rechtsabteilungen
Deutsche Unternehmen gehen bei der Einführung neuer Technologien häufig mit einer gewissen Vorsicht vor – insbesondere wenn es um vertrauliche Informationen, Datenschutz und juristische Beratung geht.
Dennoch gewinnt KI auch hier deutlich an Bedeutung.
Die Legal Operations Studie 2024/25 des Bundesverbands der Unternehmensjuristinnen und Unternehmensjuristen (BUJ) und EY Law zeigt, dass bereits 53,5 % der befragten deutschen Rechtsabteilungen generative KI einsetzen. Weitere 25,6 % planen die Einführung.
Auch international zeichnet sich diese Entwicklung ab. Laut dem General Counsel Report 2026 von FTI Consulting und Relativity nutzen oder testen inzwischen 87 % der befragten General Counsel generative KI.
Natürlich besteht ein erheblicher Unterschied zwischen ersten Experimenten mit ChatGPT oder Microsoft Copilot und einer systematischen Integration von KI in die Arbeitsabläufe einer Rechtsabteilung.
Dennoch lassen sich bereits einige konkrete Einsatzmöglichkeiten erkennen.
Fünf davon sind besonders interessant.
1. Vertragsprüfung und Vertragsverhandlungen
Für viele Unternehmensjuristen ist die Vertragsprüfung ein naheliegender Ausgangspunkt.
Man denke nur an die Zeit, die regelmäßig für die Prüfung von Vertraulichkeitsvereinbarungen (NDAs), Lieferantenverträgen, Kundenverträgen und Nachträgen aufgewendet wird.
Selbst wenn ein Unternehmen über etablierte Vertragsvorlagen verfügt, kostet es Zeit, Abweichungen zu identifizieren, Risiken einzuschätzen und zu entscheiden, welche Punkte verhandelt werden müssen.
KI kann bereits bei der ersten Prüfung unterstützen.
Beispielsweise könnte ein Unternehmensjurist einen Lieferantenvertrag mithilfe eines geeigneten KI-Tools mit den Standardvertragsbedingungen seines Unternehmens vergleichen, ungewöhnliche Haftungsregelungen identifizieren, fehlende Klauseln aufzeigen oder alternative Formulierungen vorschlagen lassen.
Besonders interessant kann das für Juristen sein, die mehrere europäische Länder betreuen und regelmäßig Verträge in unterschiedlichen Sprachen und nach verschiedenen rechtlichen Standards prüfen.
Ob die Vorschläge rechtlich korrekt und wirtschaftlich sinnvoll sind, muss weiterhin der Jurist beurteilen.
Wenn KI jedoch dabei hilft, die entscheidenden Punkte schneller zu erkennen, bleibt möglicherweise mehr Zeit für die eigentliche Vertragsverhandlung.
Was Sie ausprobieren könnten: Vergleichen Sie einen ausreichend anonymisierten Vertrag mithilfe eines vom Unternehmen freigegebenen KI-Tools mit einer genehmigten Vertragsvorlage. Wie zuverlässig erkennt das System die Abweichungen? Fallen ihm möglicherweise Punkte auf, die Sie selbst zunächst übersehen hätten?
2. Juristische Recherche und Einarbeitung in neue Themen
Unternehmensjuristen werden regelmäßig mit Fragestellungen konfrontiert, die außerhalb ihres unmittelbaren Fachgebiets liegen.
Vielleicht hat die Personalabteilung eine arbeitsrechtliche Frage, mit der man sich bisher kaum beschäftigt hat. Der Vertrieb benötigt rechtliche Unterstützung beim Eintritt in einen neuen Markt. Oder die Geschäftsführung möchte eine erste Einschätzung zu einer regulatorischen Entwicklung.
Oft besteht die Herausforderung nicht nur darin, eine rechtliche Antwort zu finden. Zunächst muss man sich einen Überblick verschaffen und verstehen, welche Aspekte überhaupt untersucht werden müssen.
Gerade dabei kann KI hilfreich sein.
Sie kann unterstützen, eine Recherche zu strukturieren, mögliche rechtliche Fragestellungen zu identifizieren, vorhandene Unterlagen zusammenzufassen und Informationen übersichtlich aufzubereiten.
Für deutsche Unternehmensjuristen, die international tätige Unternehmen beraten, kann dies besonders relevant sein, wenn neben deutschem Recht auch EU-Vorschriften oder die Rechtsordnungen anderer Länder berücksichtigt werden müssen.
Allerdings hat die Technologie klare Grenzen. KI kann fehlerhafte Informationen liefern, nicht existierende Gerichtsentscheidungen zitieren oder wichtige Rechtsentwicklungen übersehen.
Deshalb müssen die Ergebnisse anhand verlässlicher juristischer Quellen überprüft werden. KI sollte die eigene Recherche unterstützen, nicht ersetzen.
Was Sie ausprobieren könnten: Nutzen Sie bei Ihrer nächsten Recherche zu einer nicht vertraulichen Rechtsfrage ein KI-Tool, um zunächst die relevanten Fragestellungen zu strukturieren. Vergleichen Sie die Vorschläge anschließend mit Ihrer üblichen Vorgehensweise.
3. Juristische Beratung für das Unternehmen verständlicher machen
Diesen Einsatzbereich finde ich besonders interessant, weil er unmittelbar mit einer Fähigkeit zusammenhängt, die gute Unternehmensjuristen ohnehin mitbringen müssen.
Rechtlich korrekte Beratung ist nur ein Teil der Aufgabe. Mindestens ebenso wichtig ist es, die Ergebnisse so zu kommunizieren, dass Kollegen ohne juristischen Hintergrund sie verstehen und damit arbeiten können.
Eine ausführliche Analyse vertraglicher Risiken mag juristisch einwandfrei sein. Den Vertriebsleiter interessieren aber vermutlich vor allem drei Fragen: Wo liegt das Problem? Wie schwerwiegend ist es? Und welche Handlungsmöglichkeiten hat das Unternehmen?
KI kann dabei helfen, juristische Informationen für unterschiedliche Zielgruppen aufzubereiten.
So könnte ein Jurist beispielsweise eine bereits erstellte rechtliche Bewertung mithilfe eines freigegebenen KI-Tools in eine kurze Management-Zusammenfassung, eine Liste konkreter Handlungsempfehlungen oder ein Briefing für den Vertrieb umwandeln.
Die Verantwortung für den rechtlichen Inhalt bleibt selbstverständlich beim Juristen. Insbesondere muss geprüft werden, ob bei der Vereinfachung wichtige Einschränkungen oder rechtliche Nuancen verloren gegangen sind.
Richtig eingesetzt, kann KI jedoch dazu beitragen, juristische Beratung verständlicher und zugänglicher zu machen.
Letztlich gehört genau das zur Rolle eines guten Business Partners: dem Unternehmen dabei zu helfen, Risiken zu verstehen, ohne die Kollegen mit juristischen Details zu überfordern.
4. Interne Rechtsfragen und Wissensmanagement
Wer bereits in einer Rechtsabteilung gearbeitet hat, kennt das Problem: Ein erheblicher Teil des Arbeitstages kann damit vergehen, immer wieder ähnliche Fragen zu beantworten.
Können wir diese Vertraulichkeitsvereinbarung unterschreiben?
Welche Vertragsvorlage soll der Einkauf verwenden?
Wer muss diesen Vertrag freigeben?
Muss die Rechtsabteilung diese Vereinbarung überhaupt prüfen?
In vielen Unternehmen sind die Antworten längst in internen Richtlinien, Leitfäden oder früheren rechtlichen Stellungnahmen dokumentiert. Allerdings wissen die Kollegen nicht immer, wo sie diese Informationen finden.
Auch hier beschäftigen sich Rechtsabteilungen zunehmend mit KI.
Interne KI-gestützte Wissenssysteme können Mitarbeitern helfen, relevante Informationen zu finden, freigegebene Vertragsvorlagen aufzurufen und bestehende Prozesse besser zu verstehen.
Bei einfachen Standardfragen könnte dadurch eine direkte Anfrage an die Rechtsabteilung entfallen. Komplexere Sachverhalte würden weiterhin an einen Juristen weitergeleitet.
Voraussetzung dafür sind verlässliche und aktuelle Informationen, geeignete Zugriffsberechtigungen sowie klare Grenzen dessen, was das System eigenständig beantworten darf. Schließlich kann eine falsche Auskunft mehr Arbeit verursachen, als sie einspart.
Gerade für kleinere Rechtsabteilungen, die ein großes Unternehmen betreuen, könnte der Nutzen jedoch erheblich sein.
Wenn Mitarbeiter einige ihrer Routinefragen selbst klären können, bleibt den Juristen mehr Zeit für Themen, bei denen ihre fachliche Einschätzung tatsächlich erforderlich ist.
Man muss nicht gleich die Einführung eines solchen Systems verantworten, um sich mit diesen Möglichkeiten auseinanderzusetzen.
Was Sie ausprobieren könnten: Notieren Sie über einen Zeitraum von zwei Wochen, welche Routinefragen in Ihrer Rechtsabteilung eingehen. Wie viele davon wiederholen sich? Könnten bessere Leitfäden, Vertragsvorlagen oder ein internes KI-Wissenssystem helfen?
5. Regulatorische Entwicklungen im Blick behalten
Für Juristen in regulierten Branchen nimmt die Beobachtung rechtlicher Entwicklungen häufig viel Zeit in Anspruch.
Ob Finanzdienstleistungen, Automobilindustrie, Maschinenbau, Pharma oder Technologie – oftmals müssen zahlreiche neue Vorschriften, Konsultationen und behördliche Leitlinien verfolgt werden.
Dabei ist es mit der Feststellung, dass sich eine Vorschrift geändert hat, noch nicht getan.
Anschließend muss geklärt werden, ob die Änderung das eigene Unternehmen betrifft, welche Abteilungen informiert werden müssen und ob bestehende Prozesse oder vertragliche Regelungen angepasst werden müssen.
KI kann helfen, diese Informationen aufzubereiten.
So lassen sich beispielsweise umfangreiche regulatorische Dokumente zusammenfassen, erste interne Briefings vorbereiten oder neue Anforderungen mit bestehenden Checklisten vergleichen.
Für deutsche Unternehmen kommt durch den EU AI Act ein weiterer Aspekt hinzu.
Rechtsabteilungen beschäftigen sich nicht mehr nur mit der Frage, wie sie KI selbst einsetzen können. Sie werden zunehmend auch in die Einführung von KI in anderen Unternehmensbereichen eingebunden – etwa bei Fragen zum Datenschutz, zu vertraglichen Risiken, Compliance-Anforderungen und internen Kontrollmechanismen.
Ein Jurist, der bereits praktische Erfahrungen mit KI gesammelt hat, kann solche Diskussionen häufig besser einordnen.
Was Sie ausprobieren könnten: Wählen Sie eine regulatorische Entwicklung aus Ihrer Branche und testen Sie, ob ein geeignetes KI-Tool Ihnen dabei helfen kann, ein kurzes Briefing zu erstellen. Was hat sich geändert, und welche Unternehmensbereiche könnten betroffen sein? Überprüfen Sie die Ergebnisse anschließend anhand der Originalquellen.
Was bedeutet das für Ihr nächstes Vorstellungsgespräch?
Aus Sicht der Personalberatung wird es an dieser Stelle besonders interessant.
Wenn Sie sich in Deutschland auf eine Inhouse-Position bewerben, sollten Sie nicht überrascht sein, wenn das Thema KI im Vorstellungsgespräch angesprochen wird.
Das bedeutet keineswegs, dass ein Unternehmen erwartet, dass Sie bereits komplexe Legal-Tech-Systeme eingeführt oder ein umfassendes Transformationsprojekt geleitet haben.
Gerade auf Legal-Counsel-Ebene kann schon ein einfaches Beispiel aus dem eigenen Arbeitsalltag hilfreich sein.
Vielleicht haben Sie KI genutzt, um eine juristische Recherche zu strukturieren, Vertragsformulierungen zu prüfen oder einen komplizierten Sachverhalt verständlicher aufzubereiten.
Wenn Sie erklären können, was Sie ausprobiert haben, ob es funktioniert hat und welche Erkenntnisse Sie daraus gewonnen haben, ist das wesentlich überzeugender als die allgemeine Aussage, dass Sie sich für KI interessieren.
Bei Führungspositionen kann die Diskussion noch einen Schritt weitergehen.
Sie müssen dabei keineswegs ausschließlich von erfolgreichen Projekten berichten können.
Im Gegenteil: Wenn Sie erklären können, warum ein bestimmter Ansatz nicht funktioniert hat, welche Schwächen ein KI-Tool gezeigt hat oder warum Sie bewusst auf dessen Einsatz verzichtet haben, kann das ebenfalls von gutem Urteilsvermögen zeugen.
Und falls Ihr derzeitiger Arbeitgeber den Einsatz von KI nicht gestattet, ist das natürlich nachvollziehbar. Sie können sich trotzdem durch Weiterbildungen und eigene Experimente mit fiktiven oder öffentlich zugänglichen Informationen mit der Technologie vertraut machen.
Klein anfangen und Erfahrungen sammeln
Falls Sie bisher noch nicht mit KI experimentiert haben, würde ich empfehlen, mit einer einzelnen, wiederkehrenden Aufgabe aus Ihrem Arbeitsalltag zu beginnen.
Am besten eignet sich etwas, das Sie regelmäßig erledigen und bei dem Sie gut einschätzen können, wie viel Zeit Sie normalerweise benötigen und wie ein gutes Ergebnis aussieht.
Wenn die internen Richtlinien Ihres Unternehmens es erlauben, probieren Sie aus, ob ein freigegebenes KI-Tool Sie bei einem Teil dieser Aufgabe unterstützen kann.
Sie müssen dafür nicht gleich den gesamten Arbeitsprozess verändern.
Prüfen Sie zunächst, ob die Technologie tatsächlich hilfreich ist und ob die mögliche Zeitersparnis den Aufwand für die Kontrolle der Ergebnisse rechtfertigt.
Vertraulichkeit und Datenschutz müssen dabei selbstverständlich an erster Stelle stehen. Personenbezogene Daten, vertrauliche Rechtsberatung, sensible Verträge oder Geschäftsgeheimnisse gehören nicht in ein nicht freigegebenes KI-System. Welche Informationen verarbeitet werden dürfen und unter welchen Voraussetzungen, richtet sich nach den internen Vorgaben und den geltenden rechtlichen Anforderungen.
Wenn das Experiment funktioniert, halten Sie fest, was Sie ausprobiert haben und worin der konkrete Nutzen bestand.
Und wenn es nicht funktioniert, ist auch die Erkenntnis darüber wertvoll.
Abschließend noch ein Gedanke
Einige Rechtsabteilungen investieren bereits erhebliche Mittel in KI. Andere führen erste Pilotprojekte durch, während viele Unternehmen noch überlegen, wie sich die Technologie sinnvoll in ihre bestehenden Abläufe integrieren lässt.
Fest steht jedoch, dass KI in Gesprächen über die Besetzung juristischer Positionen zunehmend eine Rolle spielt.
Für Bewerber lohnt es sich deshalb, sich frühzeitig mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Sie müssen noch kein KI-Projekt geleitet haben, um in einem Vorstellungsgespräch etwas Interessantes dazu sagen zu können.
Wenn Sie jedoch bereits eigene Erfahrungen gesammelt haben, die Grenzen der Technologie verstehen und einschätzen können, wo KI einen wirklichen Mehrwert bietet, werden Sie sich mit einem potenziellen Arbeitgeber fundierter darüber austauschen können.
Und angesichts der Häufigkeit, mit der uns das Thema inzwischen in Gesprächen mit juristischen Hiring Teams begegnet, ist das sicherlich kein Nachteil.
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